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Architektur für Gerichtsgebäude

Ein Balanceakt für eine gesunde Demokratie

Wenn die Menschen über das Design von Gerichtsgebäuden nachdenken, denken die meisten nicht vorrangig daran, den Gesichtsausdruck des Richters erkennen zu können, der in erhobener Position auf seinem Richterstuhl sitzt, oder wie man in den Gerichtssaal gelangt und wieder hinausfindet.

Für Architekten wie Carol Lanham, städtische Bauleitung und Kate Diamond, Leiterin der Bauplanung und leitende Architektin im Architekturbüro von HDR in Los Angeles, sind diese Gedanken eine tägliche Leidenschaft. Die Leidenschaft wurde in einem Webinar offensichtlich, das den Titel hatte:  "Gerichtssäle: Entwürfe für die Rechtsprechung". Das Webinar war der Höhepunkt eines der bemerkenswertesten Projekte im Bereich von Gerichtsgebäuden, mit denen HDR sich bisher befasst hat.

Es folgen Fragen und Antworten mit Carol Lanham und Kate Diamond auf Grundlage der Inhalte, die im Webinar vermittelt wurden.

Was muss als Erstes in Betracht gezogen werden, wenn ein Gerichtsgebäude entworfen wird?

C. L.: Jeder Bundesstaat und jede Gemeinde weist Unterschiede auf. Die erste zwingende Aufgabe besteht daher darin, die Strukturen des Gerichts zu verstehen: Wie üben sie ihre Tätigkeiten aus? Wie oft tagt jede Ebene des Gerichts? Hat jede Ebene eigene Richter? Können Sie Räume gemeinsam nutzen? Fällen sie Urteile gemeinsam oder handelt es sich um Schwurgerichtsverfahren mit Geschworenen? Und wie viele Gerichtssäle benötigen sie?

K. D.: Anschließend beginnt man, die Räume zu gestalten. Der Gerichtssaal ist das Herzstück und der Personenverkehr ist der Schlüssel dazu. Es gibt drei getrennte Laufwege: Einer für die Öffentlichkeit, ein abgesonderter für Richter und einige Geschworenenberatungen und ein gesicherter für die Häftlinge und die Angeklagten in Untersuchungshaft.

Welche anderen Faktoren beeinflussen die Gestaltung?

C. L.: Ein wichtiger Faktor ist die Sicherheit. Sie werden am Eingang zu einem Gerichtsgebäude stets Metalldetektoren und Durchleuchtungsgeräte finden. Der Eingang und die Eingangshalle sind der erste Eindruck vom Gebäude. Daher ist es wichtig, dass diese Geräte gut integriert wurden. Die Sicherheit des Richters ist an jedem Gerichtsort wichtig. Diese Männer und Frauen treffen lebensverändernde Entscheidungen, daher sollten die privaten Zimmer und der Zugang zum Gerichtssaal so ausgelegt sein, dass es keine zufälligen Interaktionen mit betroffenen Familienmitgliedern oder allgemein mit der Öffentlichkeit geben kann. Sicherheit kann für das Büro des Gerichtsdieners ebenfalls ein Thema sein, da auch hier Zugang für das Publikum vorhanden ist. Letztendlich muss die Sicherheit auch in den Verwahrungseinrichtungen für diejenigen, die zur Anklageerhebung oder zu den Prozessen geladen werden, gewährleistet sein.

K. D.: Tageslicht ist ein weiterer wichtiger Punkt. Jeder, der auf seine Gerichtsverhandlung wartet, seien es Geschworene oder sogar Anwälte, jeder ist gestresst. Beim Entwurf von Gerichtsgebäuden ist es wichtig, eine Umgebung zu gestalten, die nicht nur die Funktionalität und die Sicherheitsanforderungen bedient, sondern den darin enthaltenen Stressfaktor reduziert. Menschen verhalten sich besser, treffen vorteilhaftere Entscheidungen und sind effektiver, wenn sie dem Tageslicht ausgesetzt sind. Ein von Tageslicht durchfluteter Wartebereich reduziert den Stress von jedem, der auf seine Gerichtsverhandlung wartet. Lösungskonzepte für die Innenausstattung des Gerichtssaales sind unter anderem Tageslicht über Laubengänge hereinzulassen und auftreffendes Licht zurückzuwerfen. Es ist jedoch nicht wünschenswert, die Hintergrundbeleuchtung der Geschworenen so grell zu machen, dass der Anwalt (und der Richter) ihren jeweiligen Gesichtsausdruck nicht erkennen können. Wenn mein Schicksal jemals an der Anhörung vor Geschworenen abhängig sein sollte, dann würde ich mir wünschen, dass deren Bereich mit Tageslicht durchsetzt ist! Und die Sonneneinstrahlung kann sehr grell auf denen in Gerichtssälen üblichen Holzvertäfelungen werden. Es ist also eine Gratwanderung zwischen Blendfreiheit, Tageslicht und all den Einzelteilen, die das Design von Gerichtsgebäuden beinhaltet.

C. L.: Technologie ist außerdem wichtig. Es gibt eine Menge an elektronischer Ausrüstung und Infrastruktur, die erforderlich sind, damit die Computer mit jedem im Gerichtssaal „kommunizieren“ können. Die Anwaltstische verfügen über Datenports, sodass sie auf elektronischem Wege Beweise vorlegen können. Die Informationen müssen zu den Computern des Richters und Gerichtsdieners übermittelt werden und gleichzeitig zu den Bildschirmen der Geschworenen, Zeugen und dem gegnerischen Anwalt, damit alle sehen können, was vorgelegt wird. Ganz zu schweigen von der Notwendigkeit auf elektronisch abgelegte Dokumente, Info-Monitore, Mikrophone, Lautsprecher, Sicherheitskameras usw. zuzugreifen. Ein Gerichtssaal sollte würdevoll und elegant sein. Niemand schaut gerne auf Kabelsalat, der sich überall ausbreitet. Viele Richter mögen es nicht einmal, wenn ihr Computer über die Brüstung ihres Tisches ragt! Es erfordert viel Arbeit und Koordination, um dieses technisch fortgeschrittene System zum Funktionieren zu bringen.

Was müssen wir über die Anwender im Raum wissen?

C. L.: Innerhalb des bundesstaatlichen Systems werden die Richter auf Lebenszeit ernannt. Sie „leben“ und arbeiten also jahrelang in diesen Räumlichkeiten. Obgleich ihr Input unermesslich wertvoll ist, sind wir ebenfalls den Steuerzahlern verpflichtet. Daher sind wir umsichtig, was die Gestaltung von ausgesprochen personifizierten Gerichtssälen angeht. Wir verwenden mehrere Werkzeuge, unter anderem Modelle von Gerichtssälen, dreidimensionale Computersimulationen und Feldversuche, um sicher zu stellen, dass der Gerichtsaal für mehrere Richter geeignet ist. Erst nachdem sie den Entwurf überprüft und genehmigt haben, erstellen wir die endgültigen Bauzeichnungen.

K. D.: Die große Mehrheit der Fälle wird beigelegt, ohne dass ein Gerichtstermin stattfindet. Aber wenn es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, ist das der Augenblick, in dem der Gerichtsaal wirklich entscheidend wird. Anwesen sind der Richter als Aufseher über die Gerichtserfahrung, die Geschworenen beraten und treffen die Entscheidung, es gibt die Anwälte, den Kläger und den Verteidiger sowie das öffentliche Publikum. Wenn wir ein Gerichtsgebäude entwerfen, zeugt es von Demut, über die Bedeutung dieses Ortes für die Menschen nachzudenken, die durch die Türen hereinkommen. Die Gestaltung sollte in offenen, ansprechenden, sicheren und zugänglichen Räumlichkeiten resultieren, die wichtig für die Gesundheit unserer Demokratie sind.

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