Bellevue University Teaching Lab
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Neuerfindung des Lehrlabors: Lernen durch Forschung

In diesem Frühling begann Mike Hamilton mit Professor John Kyndt von der Bellevue University, Omaha, Nebraska einen Dialog über Adaptionen. Unter diesem Namen ntstand  eine Reihe von Interviews mit Pädagogen aus aller Welt, die verschiedene Hintergründe, Disziplinen und Einrichtungen repräsentieren. Die Interviews untersuchen, wie Pädagogen sich an die sich ständig wandelnde Bildungslandschaft anpassen und wie das gebaute Umfeld sie in Ihren Bemühungen unterstützt oder behindert.

Unser Team wurde motiviert durch Professor Kyndts Vision vom Entwurf einer neuen Art von Lehrlabor, das den wandelnden Anforderungen der Wissenschafts-Lehrpläne für Studenten und der Hochschulausbildung als Ganzes Rechnung trägt. Teil 1 des Interviews erklärt, worin genau dieser Wandel besteht, es behandelt die aufstrebende Rolle des problembasierten Lernens und zeigt wie die gemeinschaftlichen Bemühungen dazu geführt haben ein Naturwissenschafts-, Forschungs- und Demonstrationslabor zu erschaffen.

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Professor John Kyndt von der Bellevue University im Interview mit Mike Hamilton, Konstruktionsleiter bei HDR.

Finanzielle Machbarkeit, Flexibilität und Konkurrenzfähigkeit anstreben

Mike: Worin besteht aus Ihrer Perspektive insgesamt die größte Herausforderung, der die Hochschulausbildung gegenübersteht?

John: Die erste Herausforderung, die ich sehe, stellt sich aus der Perspektive der Studenten: Sie wollen eine Perspektive, dass ihr Studium finanziell tragbar ist. Viele haben eine Menge Schulden angehäuft oder kennen jemanden, dem es so erging. Das muss uns bewusst sein und wir müssen versuchen, unsere Ausgaben soweit wie möglich zu reduzieren. Studenten wollen ebenso Flexibilität. Viele unserer Vorlesungen an der Bellevue werden auch von unkonventionellen Studenten besucht – viele versuchen, einen zweiten akademischen Grad zu erlangen und daher wollen sie Vorlesungen, die sie online oder außerhalb ihrer Arbeitszeit wahrnehmen können.

Die große Herausforderung besteht für uns darin, dies erschwinglich und flexibel zu gestalten, jedoch die gleiche Bildungsqualität beizubehalten. Es ist nur allzu leicht, Bildung erschwinglich und flexibel zu gestalten, dabei jedoch Qualitätsverluste hinzunehmen – in dieser Hinsicht sind wir rigoros.

Mike: Was hat sich in Bezug auf das Unterrichten der Studenten in den Naturwissenschaften im Verlauf der letzten zehn Jahre geändert?

John: Nun, aus der Lehrperspektive gesehen, verfüge ich über einen PH.D. in Biochemie, ich unterrichte aber derzeit Dinge wie Ernährung und Nachhaltigkeit. Ich weite das aus, was ich unterrichte. Ich glaube, das ist etwas, was man allgemein beobachten kann – Professoren müssen flexibler sein in dem, was sie unterrichten. Es hilft, das Potential der Professoren auszuweiten. Obwohl dies nicht notwendigerweise auf alle Universitäten zutrifft: es trifft besonders auf die Universitäten zu, die versuchen, neue Wege zu beschreiten oder neue Studiengebiete zu erschließen. Sie müssen unkonventionellen Wegen gegenüber offen sein, um dies zu bewerkstelligen.

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Lehrlabore an der Bellevue University sind vielseitig und können für eine breite Palette an verschiedenen Kursen genutzt werden.

Mike: Hat sich der Lehrplan überhaupt geändert?

John: Ja, das hat er. Wenn wir heutzutage einen neuen Lehrplan erstellen, muss das über einen Ausschuss erfolgen, der Marktanalysen erstellt. Das machen wir grundsätzlich, um uns zu vergewissern, dass, wann immer wir einen neuen Kurs oder ein neues Programm aufbauen, ein Markt dafür vorhanden ist. Wir fragen uns: „Besteht für dieses Programm Interesse am Markt? Wird es Studenten anziehen? Werden diese Studenten nach Abschluss des Programms eine Arbeit finden?“ Hier hat sich der Fokus, gemessen an dem, was ich in der Vergangenheit beobachtet habe, ziemlich verändert.

Von Seiten der Industrie hören wir, dass sie Studenten in grundlegenden, einfachen wissenschaftlichen Techniken erneut schulen müssen, sobald sie die freie Wirtschaft betreten. Studenten haben Kurse und Labore in Anspruch genommen, aber sie wissen nicht wirklich, wie man in einer unabhängigen Forschungsumgebung arbeitet. Also müssen die Arbeitgeber sie nachschulen.

„Wenn Sie die Studenten von Anfang an einige grundlegende Forschungen durchführen lassen und das während der gesamten Studien-Erfahrung beibehalten, sind sie hoffentlich besser auf den Eintritt in die Wirtschaft vorbereitet und müssen nicht erst neu geschult werden, wie man pipettiert oder wie man eine Lösung herstellt. Sie haben diese Fähigkeit bereits in der Ausbildung erworben. Unsere Priorität liegt darin, mehr solcher praxisnahen Fähigkeiten schon früh im Lehrplan zu verankern.“

Professor John Kyndt, Bellevue University

Qualifizierungsmaßnahmen mit Neugier ausgleichen

Mike: In Ihrem TEDxOmaha Talk vor einigen Jahren sprachen Sie über den Balanceakt einerseits den finanziellen Nutzen der Forschung nachzuweisen und andererseits die angeborene Neugier, die so wichtig für Entdeckungen ist, trotzdem zu fördern. In ähnlicher Weise stellt sich die Frage, wie Sie diese Neugier in Vorlesungen und Laboren fördern, wenn doch das Bestehen am Markt und der Erwerb von Fertigkeiten immer mehr Bedeutung gewinnt?

John: Sogar mit diesem Druck, sich zu vergewissern, dass die Studenten über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, möchte man immer noch den Verstand für eine umfassendere Perspektive öffnen und ihnen vermitteln, dass dies mehr als nur ein Geschäft ist. Es geht also darum, diese Balance zu finden und einen mehr problembasierten, forschungsorientierten Lehrplan einzubringen, der die Neugier anregt. Wir wollen, dass sich die Studenten gleich von Anfang ihrer Ausbildung an fragen: „Ok, Sie haben also diese Sache beobachtet: Wie funktioniert dies Ihrer Meinung nach? Können wir das einmal untersuchen? Wie würden Sie dies testen?Wie würden Sie dieses Experiment vorbereiten?

Indem diese Neugier an vorderster Front der studentischen Erfahrung etabliert wird, können darauf die Fähigkeiten aufgebaut werden. Auf diese Weise werden die Fähigkeiten zu den Werkzeugen, die dem Studenten erlauben, das zu tun, was sie aufgrund ihrer Neugier tun wollen, die hoffentlich geweckt wurde. Das ist die Herausforderung für den Professor oder den Pädagogen: die Neugier zu entfachen und trotzdem die Anwendung nützlicher Werkzeuge zu vermitteln. Das ist einer der Gründe, warum wir Bellevues Lehrplan neu gestalten und problembasierte Einführungsvorlesungen hinzufügen.

Wie Räumlichkeiten problembasierte Herangehensweisen verhindern oder ermöglichen können

Mike: Wie hat das physische Umfeld sie dabei unterstützt oder verhindert, diese neuen Konzepte in den Lehrplan einzubringen? Wie hat das Umfeld den Lernvorgang der Studenten beeinflusst?

John: Um problembasiertes Lernen anzuwenden, müssen Sie die Räumlichkeiten, die Werkzeuge und die Ressourcen zur Verfügung stehen haben, um Forschung durchzuführen. Als ich hier in Bellevue ankam, hatten wir diese Dinge zunächst nicht. Wir waren überhaupt nicht darauf eingerichtet, Forschungen irgendeiner Art zu betreiben. Wir hatten traditionelle Hörsäle oder Laborräume ohne viel Ausrüstung oder viel Platz.

Die Renovierung sorgte für einen großen Unterschied. Jetzt haben wir Räumlichkeiten, die sich tatsächlich wie Forschungslabore anfühlen. Diese Räume vermitteln eine Atmosphäre, dass man sich nicht vor der Naturwissenschaft oder der Forschung fürchten muss. Es ist die Vorstellung der „Wissenschaft am Bildschirm“ die zeigt, dass wir Dinge tun, die nicht angsterregend sind. Uns stehen die Ausrüstung und die Räumlichkeiten zur Verfügung, traditionell zu unterrichten oder ein Forschungslabor entsprechend unseren Anforderungen einzurichten.

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Forscher führen Experimente im Naturwissenschafts-, Forschungs- und Demonstrations-Labor der Bellevue University durch.

Mike: Erzählen Sie uns von Ihrer Vision dessen, was wir das „Naturwissenschafts-, Forschungs- und Demonstrations“-Labor oder SRD-Labor nennen. Es befindet sich genau hier, wo wir gerade sitzen.

John: Es geht eigentlich darum, diesen Raum zu nehmen und ihn offen und für unterschiedlichste Zwecke zu gestalten. Sie haben einen Demonstrationsbereich vorne im Raum, wo die Leute sehen können, was Sie gerade tun. Man blickt durch Glaswände in den Gemeinschaftsarbeitsbereich hinein. Wir nutzen diesen Raum, um Studenten, sowohl Kursteilnehmern wie auch Externen, zu ermöglichen, zusammenzuarbeiten – und Redner von außerhalb können kommen und kleine Präsentationen durchführen. Es gibt Mehrzweck-Räumlichkeiten, sie können als Labor oder als traditioneller Unterrichtsraum genutzt werden. Ich gebe hier übrigens jeweils Dienstagsabends traditionelle Vorlesungen. Aber theoretisch erlaubt die Werkbank im hinteren Teil den Leuten, hereinzukommen und dort Forschungen zu betreiben. Es könnte eine Vorlesung im Gange sein und die Studenten könnten sie sehen und wären interessiert. Ich bin kein Gegner davon, im Unterrichtsraum zwei Dinge gleichzeitig am Laufen zu haben, denn, wenn Sie in eine Forschungsumgebung hereinkommen, ist es das, was dort auch geschieht. Sie müssen Ihre Forschungen inmitten anderer Aktivitäten durchführen. Das bereitet sie irgendwie darauf vor.

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Ein Demonstrationsbereich vorne im SRD-Lab erlaubt kleinere Präsentationen mit Gastrednern.

Mike: Sie haben beim Entwurf des Labors geholfen – Sie sind auf eine Art ein Architekt, der wahre Professor der Renaissance.

John: Es ist komisch, aber mein zwölfjähriger Sohn hat mir eigentlich dabei geholfen, einige dieser Ideen für die Raumgestaltung zu entwickeln. Ich fragte ihn einmal: „Ok, wie richte ich das ein, denn ich möchte, das diese drei Dinge geschehen: unterrichten, forschen und zusammenarbeiten.“ Und seine Idee war: „Nun, wieso stellst du den Lehrer nicht einfach in die Mitte?“, und ich dachte, „Nun, das ist eine großartige Idee. Wir müssen nicht immer vor der ersten Reihe stehen. Was wäre, wenn wir damit beginnen, dass der Ausbilder in der Mitte steht und die anderen Komponenten um ihn herum gestalteten?“

Dieses Interview wurde der Verständlichkeit wegen bearbeitet und gekürzt.